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1. Wintergäste und Heimzug Klimatisch gesehen waren für den Zeitraum dieses Berichtes eine ganze Reihe von extremen Wettersituationen zu verzeichnen, die natürlich immer auch Auswirkungen auf unsere heimische Vogelwelt haben. Auf den kältesten und schneereichsten Dezember (2010) seit über 20 Jahren folgte 2011 ein Frühjahr, das in allen drei Monaten März bis Mai erheblich wärmer, extrem trockener und sonnenscheinreicher als im langjährigen Mittel war. Schließlich war der Spätherbst von Mitte Oktober bis Ende November der trockenste und sonnenscheinreichste seit Aufzeichnungsbeginn. Insgesamt waren das, vor allem im Frühjahr, Bedingungen, die für die Vögel in Mitteleuropa durchaus günstig waren. Noch auf dem Weg in den Süden waren wohl rund 80 Kraniche, die am 22.12.2010 das tief verschneite Deutschland hinter sich ließen und dabei nicht unbemerkt Reutlingen überflogen. Vielleicht schon in die andere Richtung unterwegs war am 11.1. ein jagender Merlin , der auf den Härten beobachtet wurde. Zwar regelmäßig, aber in geringerer Anzahl als in den Vorwintern waren bei uns überwinternde Silberreiher anwesend (z.B. 5 Ind. 25.2. Wasserstetten). Immer wieder ziehen in den Wintermonaten Möwen durchs Neckartal (max. 75 Ind. Lachmöwen 23.3., 1 Ind. Sturmmöwe 23.3. und 1 Ind. Mittelmeermöwe 14.3. Härten + 1 Ind. 1.4. Neckartailfingen), während Singschwäne aus dem hohen Norden weitaus seltener sind (4 Ind. 2.1. bei Reicheneck). Nur gelegentlich waren kleinere Trupps des Gänsesägers auf dem eisfreien Neckar anzutreffen (max. 6 Ind. bei Mittelstadt). Ab der dritten Januardekade waren auch die Baggerseen im Neckartal eisfrei und es zeigten sich dort neben der ständig anwesenden Stockente folgende Entenarten (jeweils Maximalzahlen): Tafelente (58 Ind. Mayersee), Reiherente (34 Ind. Kirchentellinsfurter Baggersee KB), Schnatterente (4 Ind. 17.12. + 15 Ind. Zwiefalter Aach 5.3.), Schellente (1 Ind. 27.2. KB), Pfeifente (2 Ind. 20.1. KB + 1 Ind. 5.3. Zwiefalter Aach), Kolbenente (1 Ind. 19.2. Mägerkinger See), Krickente (42 Ind. 22.3. KB + 9 Ind. 22.3 Breitenbachsee), Knäckente (2 Ind. 28.3. Härten) sowie Löffelente (10 Ind. 2.4. KB). Von Anfang Januar bis Anfang März und im Herbst wieder ab Ende Oktober war dann nun schon den dritten Winter dasselbe Spießentenweibchen am Gönninger See anwesend. Neben dem seit vielen Jahren vertrauten Anblick der Graugänse im Neckartal, dort v.a. am Mayersee (82 Ind. am 2.3. und sogar 246 Ind. im Spätjahr, 2.12.), gab es Feststellungen von Weißwangengans (1 Ind. 14.2. Mayersee), Saatgans (5 Ind. 14.1. Härten) sowie immer wieder bis zu drei Nilgänse (13.3. KB). Gegen Ende der ersten Februardekade setzte mit den ersten Feldlerchen, Staren und dem ersten Rotmilan (7.2.) die erste Phase des Frühjahrszuges ein. Äußerst früh schon war der erste Hausrotschwanz (15.2. NSG Listhof) mit seinem Gesang zu vernehmen (aus allen Wintermonaten liegen auch wieder mehrere Überwinterungen für die Region vor). Die ersten Kiebitze waren unterwegs (7 Ind. 17.2., max. 450 Ind. rastend Härten ), 120 durchziehende Kraniche (11.3.), die erste Rohrweihe (21.3.) oder auch 5 Weißstörche (24.3.). Zwei Kampfläufer machten auf dem Durchzug Rast bei Reicheneck (22.2.), während zwei Rebhühner eben dort am 23.2. mittlerweile einer der ganz seltenen Nachweise einer Population darstellten, die im Reutlinger Nordraum in früheren Jahrzehnten einen etablierten Bestand aufwies. Weiterhin noch erwähnenswert aus dem übrigen Zuggeschehen im Frühjahr: Zwergschnepfe (zw. 15.3. und 19.4. rastend NSG Listhof), Fischadler (1 Ind. 4.4. Mittelstadt), Ortolan ( 8 Ind. 23.4. Härten), Brachpieper (1 Ind. 1.5. Härten), Steinschmätzer (u.a. 16. Ind. 3.5. Hart/Mittelstadt + 15 Ind. 4.5. Härten), Turteltaube (1 Ind. 4.5. Härten), Flussuferläufer (3 Ind. 2.5. Gönninger See + 5 Ind. 11.5. KB) sowie ein singender Schilfrohrsänger (6.5. Schlattwiesenseen SWS). Die vielleicht ungewöhnlichste Beobachtung des Frühjahrs stammt aus der Kernzone des Biosphärengebiets / ehemaliger Truppenübungsplatz Münsingen, wo am 24.5. ein vorjähriges Männchen des Rotkopfwürgers gesichtet wurde, eine Rote-Liste-Art, die als Brutvogel in Baden-Württemberg als verschwunden gilt.
2. Brutzeit Der sonnigste Frühling seit über hundert Jahren bot unserer einheimischen Vogelwelt zur Brutzeit und zumindest in der ersten Fütterungsphase, auch der Spätbrüter, überwiegend gute Bedingungen. Beeinträchtigungen gab es erst im Juli, der äußerst nass und kühl war. Ein Schwerpunkt der Beobachtungstätigkeit galt dieses Jahr dem Brutgeschehen des Gartenrotschwanzes, Vogel des Jahres 2011. Sowohl der NABU-Landes- und Bundesverband als auch die OGBW (Ornithologische Gesellschaft Baden-Württemberg) haben für das Jahr 2011 zu einer gemeinsamen Erfassung der Häufigkeit, der Verbreitung und der Rückgangsursachen des Gartenrotschwanzes aufgerufen. Die NABU-Gruppe Reutlingen hat sich daraufhin zum Ziel gesetzt, die Zahl der Reviere für die Gemarkung der Stadt Reutlingen zu ermitteln. Rund zwei Wochen früher als im langjährigen Mittel tauchten schon die ersten singenden Männchen in ihren Brutgebieten auf (z.B. 2.4. Härten, 3.4. am Georgenberg). Bei drei Kontrollgängen von 24 Gebieten (meist Streuobstwiesen und Kleingärten) zwischen Mittelstadt im N und Gönningen im S (ungefähr 80 % der potentiellen Gebiete) von Ende April bis Anfang Juni wurde die überraschend hohe Zahl von 175 Gartenrotschwanzrevieren ermittelt. Rechnet man die noch unbearbeiteten Gebiete des Stadtgebietes hoch, so ist sicherlich von einem Bestand von jenseits der 200 Brutpaare auszugehen. Mit Abstand am wertvollsten hierbei erwiesen sich die ausgedehnten Streuobstwiesen im Gebiet Schammberg bei Ohmenhausen mit 51 Revieren. Aber auch Halsbandschnäpper (26 Bp.), Wendehals (3-4-Bp.), Pirol, Fitis, Nachtigall, Baumpieper, Grauschnäpper, Sumpfrohrsänger sowie Bunt-, Mittel-, Klein-, Grau- und Grünspecht sind dort vertreten. Ein sicherer Brutnachweis aus dem Albvorland liegt für das Schwarzkehlchen vor, das - ab Anfang April anwesend- schon am 19.5. auf den Härten drei flügge Jungvögel fütterte. Sehr gut vertreten war diese Art auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen, wo 10-12 Bruten nachgewiesen wurden; die beiden Bruten bei Reicheneck sowie auf der Alb im Großen Rinnental konnten 2011 nicht bestätigt werden. Insgesamt jedoch gehört das Schwarzkehlchen zu den wenigen Arten, deren Bestände sich in den letzten Jahren vergrößerten. Häufiger als in den vergangenen Jahren wurde zur Brutzeit die Nachtigall festgestellt, aber auch die Wachtel wurde mehrfach Ende Mai und im Juni mal wieder im Albvorland verhört (auf der Röt bei Pfullingen, bei Reicheneck, bei Betzingen). Im NSG Listhof brütete seit längerer Zeit mal wieder ein Paar der Rohrammer. Die seit vielen Jahren durchgeführten Bestandserfassungen ausgewählter Brutvogelarten im Metzinger Wald wurden auch 2011 durchgeführt und brachten u.a. folgende Ergebnisse: Während alle Spechtarten dort ihre guten Bestände aus dem Vorjahr in etwa hielten, konnte sich die Population des Waldlaubsängers nach den katastrophalen Bestandseinbrüchen des Vorjahrs nicht erholen. Einen ähnlichen Einbruch erlebt momentan auch der Fitis, von dem nur noch 1 Revier als gesichert betrachtet wurde (2010: 3 Rev., 2009: 13 Rev.). Erfreulich dagegen dort die acht sicher nachgewiesenen Reviere des Pirols. Als stabil erwies sich auch das Auftreten des Neuntöters im Untersuchungsgebiet auf der Alb, nachdem diese Art 2011 zunächst ausblieb und erst nach Mitte Mai aus dem Süden zurückkam. Die extrem schlechte Wettersituation auf der Zugroute im Mittelmeerraum war hierfür ursächlich, wie im Nachhinein rekonstruiert wurde. Von zwei Brutpaaren der Reiherente am Gönninger See führte am 10.7. jeweils das Weibchen 8 bzw. sogar 15 pullis (10.7.). Die von zwei unserer NABU-Mitglieder betreute Population des Steinkauzes in den Streuobstwiesen des Reutlinger Nordraumes war mit 15 erbrüteten Jungvögel bei sieben Brutpaaren dagegen etwas weniger erfolgreich als im Vorjahr (7 Bp. mit 22 Jungvögel).
3. Wegzug Intensives Beobachten während dieser Phase erbrachte wieder eine Fülle an interessanten Daten, weshalb hier nur kompakt und zusammenfassend darauf eingegangen werden soll. Schon am 2.8. stand ein Bruchwasserläufer am Neuen See im NSG Listhof, gefolgt von einem Großen Brachvogel bei Gomaringen (14.8.) und sieben Schwarzhalstauchern am KB (15.8.). Ebenfalls noch Mitte August kreiste ein Gänsegeier zwischen dem Hohenneuffen und dem Hörnle bei Kohlberg, während ein Wiedehopf bei Mittelstadt eine kurze Rast einlegte (21.8.). Vermehrte gezielte Nachsuche, v.a. im Krs. Tübingen, nach rastenden Mornellregenpfeifern ergab auch für den Krs. Reutlingen eine Feststellung dieser skandinavischen Limikolenart auf der Alb bei Ehestetten (1.9.). Der September brachte des Weiteren eine Turteltaube bei Reicheneck (1.9.), rund 50 ziehende Bienenfresser an der Achalm (16.9.), eine juv. Trauerseeschwalbe am KB (16.9.) sowie den ersten Silberreiher (17.9.) bei Mittelstadt (später am 20.11. max. 10 Ind. Lautertal). Schon am 28.9. zeigte sich der Raubwürger zum ersten Mal in seinem Winterquartier im NSG Listhof (weitere 5 Nachweise im Nov./Dez. Alb + Albvorland). Die alljährlich durchgeführte systematische Zugerfassung (v.a. Neckartal/Achalm/Härten/Erddeponie „Saurer Spitz“) erbrachte folgendes Datenbild (jeweils Gesamtsumme + Eckdaten): Wespenbussard (204 Ind. zw. 6.8. u.14. 10), Wiesenweihe (3 Ind. zw. 6.8. u. 2.10.), Schwarzmilan (29 Ind. zw. 16.8. u. 10.9.), Rohrweihe (18 Ind. zw. 17.8. u. 16.10), Fischadler (6 Ind zw. 25.8. u. 16.9.), Baumfalke (6 Ind. zw. 17.9. u. 16.10.), Rotmilan (142 Ind. zw. 17.9. u. 19.11), Merlin (6 Ind. zw. 6.10. u. 24.10.), Mäusebussard (737 Ind. zw. 13.10. u. 22.10.). Ziehende Kleinvögel wurden wie folgt erfasst: Braunkehlchen (156 Ind. zw. 15.8. u. 25.9.), Schafstelze (487 Ind. zw. 14.8. u. 14.10.), Steinschmätzer (33 Ind. zw. 24.8. u. 24.9.), Heidelerche (574 Ind. zw. 15.8. u. 29.10.), Ortolan (15 Ind. zw. 6.9. u. 22.9.), Brachpieper (8 Ind. zw. 14.8. u. 18.9.), Wiesenpieper (1766 Ind. zw. 29.9 .u. 27.11.), Baumpieper (306 Ind. zw. 20.8. u. 8.10.), Feldlerchen (9749 Ind. zw. 22.9. u. 29.10.). Dazu 5 Schwarzstörche (zw. 16.8. u. 6.10.), 13 Weißstörche (zw. 8.8. u. 24.9.) und die phänomenale Zahl von 130.075 Ringeltauben! Zwei Zwergmöwen am Neckar (16.10.), ein Goldregenpfeifer (17.10.) auf den Härten, zwei Singschwäne( mit Halsmanschetten) auf dem KB (5.11.), eine Hybridente Reiher x Moor am 1.11. an den SWS, eine reinrassige Moorente ab 21.11. bis mindestens Mitte Dezember auf dem KB, zwei weißköpfige Schwanzmeisen der nordischen Unterart „caudatus“ zusammen mit Vertretern der Nominatform, div. Kranichbeobachtungen zwischen dem 1.10. und 12.11. sowie ein Raufußbussard am 15.11. bei Mittelstadt – dies sind nur die herausragenden Beobachtungen aus dem vielfältigen Zuggeschehen im Herbst 2011 in unserer Region!
Roland Finkbeiner
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